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Interview – Dragiša Jocić – 5. Jubiläumstag in Auvernier – Sanshinkai Letters #3

Foto: Michele Quaranta, Francesco Marrella, Renata Jocić, Dragiša Jocić in Auvernier

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der dritten Ausgabe der „Sanshinkai Letters“ veröffentlicht, die im Mai 2005 veröffentlicht wurde. Die „Sanshinkai Letters“ waren eine von Eric Graf Sensei herausgegebene Publikation. Alle Ausgaben der „Sanshinkai Letters“ finden Sie auf der Website von Graf Sensei: https://graf-dojos.ch/ im Bereich „Downloads“. Mit freundlicher Genehmigung von Eric Graf Sensei veröffentlichen wir diesen Artikel hier.

Eric Graf: Fangen wir an mit wo und wann du geboren bist?

Dragiša Jocić: In Slavnik, Serbien, 9. August 1952.

Hast du Brüder oder Schwestern?

Ich habe eine Schwester.

Lebt sie immer noch in Serbien?

Ja, sie ist ein Jahr älter.

Wofür hast du dich interessiert als du jünger warst?

Fussball. Das war mein Wunsch Profi Fussballer zu werden, aber es ist mir nicht gelungen. Roter Stern Belgrad. Nur mit Verbindungen kann man dorthin gehen. Ich konnte zu Partisan gehen, aber ich wollte nicht, ich war Fan vom Roten Stern. So mit 17 habe ich dann zwei Jahre Karate gemacht und mit 20 bis heute: Aikido. Zwischendurch habe ich ungefährwährend einem Jahr mit Kollegen ein bisschen Jeet Kune Do geübt.

Aikido hast du in Belgrad angefangen

Ja.

Und wer war der Sensei damals?

Damals war es Ljuba Vracarevic, aber für eine sehr kurze Zeit, kaum ein Jahr, er war damals 1. Kyu, jetzt ist er 10. Dan!

10. Dan?!?

Ja, ja! ☺ Im Prinzip waren es keine Lehrer, das waren junge Leute, 25-26 Jahre alt, welche das Training geleitet haben. Man kann also nicht sagen, dass sie Lehrer waren, sie waren eher Kollegen, Freunde, die mitgemacht haben. Ich habe nie einen wirklichen Lehrer gehabt. Ich bin zu japanischen Lehrern gegangen, habe Wissen aufgenommen, aber sie haben mich nie als Schüler geführt. Immerhin, die erste oder zweite wichtige Figur, mit der wir zusammen gearbeitet haben und nach Italien gegangen sind war Jovica Stanovic. Er wäre heute in meinem Alter, ist jedoch nach einer kurzen und schweren Krankheit vor ca. 15 Jahren gestorben.

Du hast viel mit Tada Sensei trainiert, und dann auch mit Fujimoto Sensei, und Ikeda Sensei. Ungefähr wie und wann hast du mit denen gearbeitet und sie kennen gelernt?

Ich glaube, dass Tada Sensei 1974 nach Belgrad gekommen ist, bevor er definitiv nach Japan zurückging. Dort habe ich bei ihm den 3. Kyu gemacht. Darauf haben wir uns viel überlegt mit wem wir weitermachen sollen: Fujimoto Sensei oder Hosokawa Sensei. Nach vielen heftigen Diskussionen haben wir entschieden, dass Fujimoto Sensei die technische Leitung in Belgrad übernehmen soll. Und so hat uns Fujimoto Sensei regelmässig zwei Mal pro Jahr besucht. Zwischendurch kam auch Hosokawa, wenn Fujimoto Sensei es nicht einhalten konnte. Tada Sensei habe ich jährlich besucht: in Florenz- Coverciano zwei Wochen sowie eine Woche Kinorema, damals noch in Rom. Ich habe also gleichzeitig bei Fujimoto Sensei, der nach Belgrad kam, und bei Tada in Italien gelernt. Regelmässig fuhr ich 2 -3 Mal pro Jahr nach Mailand und habe dort immer ca.10 Tage bei Fujimoto Sensei verbracht und mit ihm trainiert. Im Ganzen habe ich mit Tada und Fujimoto 12- 13 Jahren ziemlich hart gearbeitet. Und dann, als ich in die Schweiz kam, 1986, begann die dritte Phase mit Sensei Ikeda.

Da hast du also auch mit Sensei Ikeda gearbeitet.

Ja.

Mit wem hast du deinen 1. Dan gemacht? Den zweiten und dritten?

Den 1. Dan habe ich von Tada Sensei bekommen, den zweiten und dritten von Fujimoto Sensei, den vierten von Ikeda Sensei. Das sind die Dans, für welche ich Prüfungen abgelegt habe.

Und wann hast du den 1. Dan gemacht

Ich weiss nicht mehr genau… 1977!

Im Jahr 1986 bist du in die Schweiz gekommen. Wie ist es gekommen, dass du hier gelandet bist?

Reiner Zufall. Weil Renata als Kind hier die Schule besucht hat, hatte sie eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz, und irgendwie war es so, dass sie die Aufenthaltsbewilligung verlieren würde, wenn sie nicht hier lebt. Dann sind wir einfach zusammen hierher gekommen, um zu sehen was passiert, ohne zuviel zu überlegen Das war kein Plan, reiner Zufall.

Wann und wo hast du Renata kennengelernt?

In Belgrad!

Hast du sie beim Aikido getroffen?

Ja, sie trainierte bei einem Kollegen.

Und das ist lange her?

Jjjjaaaa… das ist 24 Jahre her.

Und wann habt ihr geheiratet? Als du gekommen bist?

Am 9. August 1986.

An deinem Geburtstag?

Genau! Darum erinnere ich mich!!! ☺

Und wann habt ihr mit der Schule angefangen?

1991.

Du hast also nicht direkt eine Schule eröffnet.

Nein. Zuerst haben wir in zwei oder drei Vereinen trainiert bzw. die Trainings geleitet. Später ist ein gemeinsamer Verein gegründet worden, während 3-4 Jahren, dann hat sich der Verein wieder getrennt. Und wir haben die Schule eröffnet.

Du hast die Schule mit Renata vom Anfang an eröffnet?

Ja.

Was war dein erster Eindruck, als du zum ersten Mal in einem Dojo getreten bist, und was waren deine grössten Schwierigkeiten am Anfang mit dem Aikido?

Aikido war ganz neu in dieser Zeit, als ich angefangen habe. Ich habe davon über Kollegen gehört. Erster Eindruck: ein Klub, wo viele Leute waren, es war ein sozialer Akt, andere Menschen zu treffen und mit ihnen etwas gemeinsam zu machen, gemeinsam zu lernen! Aikido hatte sich schon unterschieden von anderen Kampfkünsten, die man ein bisschen gekannt hatte. Es war schon eine Attraktivität an sich, die mich gezogen hatte. Alles zusammen, ich hatte von Aikido schon gehört, rein äusserlich, von den Leuten die da waren. Ich weiss nicht mehr, welche Schwierigkeiten ich gehabt habe, was kann ich da sagen… mit den Rollen habe ich zuviel mit dem Fuss geschlagen, weil ich zuviel Schwung hatte, und so sollte ich immer einen Schutz tragen, um meine Knochen zu schützen! Ich kann nicht sagen, dass ich besondere Schwierigkeiten hatte, weil ich vom Anfang an ehrgeizig trainiert habe, es hat mich immer angezogen. Im Aikido habe ich auch meine besten Freunde kennen gelernt, die ich heute auch immer noch treffe. Und eben diese Gruppe hat uns beieinander gehalten, am Anfang war es so zwei dreimal pro Woche, aber nach ein oder zwei Jahren war es ein tägliches, mehrfaches Training.

Gehst du auch ins Ausland, um Aikido zu unterrichten?

In Belgrad gebe ich Trainings, aber nicht regelmässig. Seit 2 Jahren gehe ich zu meinen Schülern nach Mexico, sie führen ein eigenes Dojo. Ausserdem leite ich verschiedene Gastseminare so z. B. in Südafrika in Johannesburg.

Jetzt gehst du regelmässig nach Mexiko?

Wir haben vor, zweimal pro Jahr zu gehen.

Und arbeitest du neben Aikido? Wieviel?

Ja, im Moment immer noch. Ich bin im Prinzip 100% angestellt als Informatiker mit der Option, dass ich 8 bis 10 Wochen Ferien pro Jahr machen kann. So, reicht es gerade noch für alles was ich noch mache!

Und hast du vor, weniger zu arbeiten, um mehr Aikido zu treiben?

Man muss schauen… Überlegungen sind da, doch da ich schon jetzt jeden Tag im Dojo bin, wären mit dieser freien Zeit neue Aikido Projekte aktuell!

Es wird immer mehr von dir gesprochen, weil du dich so gut mit dem Jo auskennst, mit den Waffen im Allgemeinen. Was ist im Waffentraining, das dich interessiert, so speziell?

Ich bin an allem interessiert! Ich höre oft Leute sagen: du bist ein Waffenspezialist, zu meinem bedauern, denn ich sehe es als ein Ganzes, Untrennbares, mit unterschiedlichen Möglichkeiten an sich zu arbeiten! Ich mache Waffentraining einmal pro Woche im Dojo, und dann natürlich für mich, jeden Tag, ich habemein eigenes Programm Ich habe keine Vorliebe für etwas spezielles, Waffen sind für mich ein Teil des Ganzen und so verstehe und übe ich das gesamte Aikido. Ich betrachte in der Kampfkunst den physischen und den mentalen Teil. Im physischen Teil sind Techniken, wie Rollen, Bewegungen, die Körperhaltung, und die Waffen; im mentalen, Imagination, Meditation, Atmungsübungen, Konzentration. Für mich ist das alles eine Kette, welche zusammen gehört. Wenn man einen Teil von dieser Kette herausnimmt, dann bricht die ganze Kette auseinander. Es sind Gebiete die einander ergänzen. Es gibt Konzepte oder Prinzipien, die man nur durch die Waffen hinkriegen kann. Das eine ist, Bewegungen im Vergleich zu sehen (Waffen, Körper, Schritte usw.), alles was wir im Leben machen, kann so gesehen werden, das andere ist das Spezifische, welches wir als Menschen einzeln haben und was uns zu so unterschiedlichen Menschen macht.

Wenn du etwas zu deinen Aikido Schülern sagen kannst oder noch genereller zu allen, die Aikido lernen, was würde dies sein, eine Kritik oder ein Rat?

Hast Du nicht konkretere Dinge? …es ist schwierig, allgemein guten Rat zu geben.

Also, was würdest du zu jemandem sagen, der nie Aikido gemacht hat, warum Aikido für ihn gut wäre? Ohne die Idee jemanden zu überzeugen versuchen…

Ein Mensch ist ein freies Wesen, und man kann ihm von einigen Erfahrungen berichten, positiven Dinge, aber jeder muss für sich üben, um zu wissen, was für ihn gut ist. Es heisst noch nicht, dass es für andere auch gut ist. Aus verschiedenen Gründen, körperliche, geistige. Ich würde generell sagen Sport ist in Ordnung. Kampfkunst ist auch in Ordnung, egal welche Kampfkunst es ist. Klar, es ist eher wichtiger, dass man gute Lehrer findet. Ein Lehrer, der richtig unterrichtet. Der Rest ist irrelevant. Man muss also eine gute Schule finden und dann selber merken, ist das für mich oder ist es nicht für mich. Kampfkunst ist nicht für alle gleich gut.

Gut. Nun gehen wir kurz zum Auvernier Stage: wie kam es zur Idee, den Auvernier Stage zu gründen?

Ich weiss nicht mehr genau, wie es gekommen ist, viele Leute fragen uns, es ist zufällig entstanden. Die anderen erinnern sich vielleicht besser wie und wo. Es war so, dass wir dachten wir verbringen diese drei Tage zusammen, schön, am See. Wir dachten, ja, machen wir etwas unten am See und so ist es entstanden. Das war damals, als Ikeda Sensei noch aktiv war, wir haben mit ihm auch geredet und er hatte es auch als gut akzeptiert. Es ist eine spontane Entscheidung gewesen.

Natürlich ist es von Vorteil, dass ihr vier seid, man sieht verschiede Aspekte und Ausdrücke. Siehst du aber auch einen Nachteil, dass ihr vier seid den Stage zu geben?

Jede Sache hat gleichzeitig Vorteile und Nachteile. Nachdem uns japanische Lehrer jahrelang unterrichtet haben und noch das tun, haben wir uns weiter entwickelt und sind bereit eigene Wege zu gehen. Ich sehe es jedoch eher als Bereicherung, gemeinsam zu unterrichten. Schliesslich wird das in der ganzen Welt auf verschiedenen Stages gemacht. Die Unterschiedlichkeit ist interessant. Jeder Mensch ist ein Unikat. Es ist sehr wichtig, dass man diese Unterschiedlichkeit akzeptiert, weil es anders nicht mehr geht. Individualismus ist langsam vorbei, im kleineren Rahmen geht das, aber nicht in grösseren. Für mich suche ich immer eher die Vorteile anstatt die Nachteile. Man kann immer die Nacheile suchen, aber in Auvernier funktionieren wir nach dem Prinzip, dass wir uns ergänzen zu einer konstruktiven Form. Einfach zu zeigen „ich bin das, aber anders ist es auch möglich“. Durch diese Unterschiedlichkeit können auch andere Leute sich entwickeln. Nicht einfach kopieren. Das finde ich einen positiven Aspekt. Negative Punkte kann man auch finden, aber die sind irrelevant, schliesslich schöpfen wir die Kraft der Gemeinsamkeit!

Hast du bei deinen Schülern, als sie vom Stage zurück ins Dojo kamen, eine Änderung festgestellt?

Ja, viele waren begeistert von vielen Sachen, die wir hier nicht machen und das war erfrischend, denn man gewöhnt sich auch in einer Art zu trainieren. Man kann nicht immer etwas Neues geben, und in einer Gruppe mit anderen Leuten, wenn ein bisschen etwas anderes gemacht wird, tut es ihnen gut. Das ist immer ein positives Echo. Und was ich von anderen über meine Person höre, höre ich von meinen Schülern über die drei anderen.

Wie organisiert ihr den Unterricht? Fängt einfach einer von euch mit etwas an und die anderen bauen es weiter auf oder habt ihr zuerst irgendeine Sitzung, wo ihr grob bestimmt was kommen soll?

Ich höre oft Leute, die über eine solche Problematik sprechen. Ich kann immer ein Training geben, ohne Vorbereitung. Ich komme, ich sitze in Seiza und plötzlich kommt ein Gedanke und dann entwickle ich diesen. Das kann man machen, wenn man viel Erfahrung hat. Aber in dieser Zeit, Renata ist an der Hochschule der Künste, methodisch gesehen, muss Unterricht Ziele haben. Man muss konkrete Ziele haben und, wenn man diese Ziele hat, muss man die Mittel finden/entwickeln, um diese Ziele zu erreichen. Wir könnten es auch so machen: jemand fängt an und wir schauen was passiert. Aber das ist für mich verantwortungslos. Wir sitzen also zusammen, sogar mehrmals, und schauen, was möchten wir den Leuen beibringen? Man kann aber auch nicht das Training komplett planen, zuerst fangen wir einmal ganz grob an. Welche Gebiete möchten wir zeigen, so dass wir uns nicht zuviel überschneiden. Jeder nimmt dann ein oder mehrere Gebiete gemäss dem, was jeder in dieser Zeit am besten fühlt, sodass dann alle vier Personen in die gleiche Richtung stossen. Der Rest entwickelt sich dann vor Ort, weil wir nicht wissen, wer kommt. Wir fangen also mit groben Ideen an, aber ein Ziel ist schon festgelegt. Dann schauen wir, was passiert, und spontan verknüpfen wir es an einander. Ich denke, dass das eine positive Sache dieses Lehrgangs ist. Es ist auch was Erfolg bringt, dass wir zusammen arbeiten und auch die ganze Zeit zusammen da sind. Wir schauen, was die anderen machen, helfen den Schülern, und so kommen wieder neue Ideen, die verknüpfen wir und gehen zum nächsten Training, zum nächsten Tag. Es ist also wirklich komplette Kommunikation, vom Anfang an bis zum Schluss. Wir reden vorher und auch danach machen wir eine Analyse.

Letzte Frage: wie siehst du die Zukunft dieses Stages, hast du Gedanken über Dinge, die man verbessern könnte?

Wir haben bis jetzt jedes Jahr etwas verbessert. Das erste Jahr waren etwa 50-60 Leute da, letztes Jahr knapp 120.Wir haben uns also zahlenmässig gesteigert, gleichzeitig aber an der Qualität gearbeitet. Wir haben jedes Jahr probiert etwas Neues zu machen, wir schauen, dass wir uns nicht wiederholen. Es gibt viele Möglichkeiten, die wir uns überlegen. Hauptsächlich ist jedoch, dass die Qualität der Trainings zunimmt und dass die Aikidokas mit neuem und erweitertem Wissen in das eigene Dojo zurückkehren und motiviert sind dieses weiter zu geben. Sicher ist für uns ebenfalls wichtig, das wir gute Trainingsbedingungen bieten und Leute Spass und Freude haben, hier Aikido zu machen.

Vielen Dank!

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