Dieser Artikel wurde ursprünglich in der dritten Ausgabe der „Sanshinkai Letters“ veröffentlicht, die im Mai 2005 veröffentlicht wurde. Die „Sanshinkai Letters“ waren eine von Eric Graf Sensei herausgegebene Publikation. Alle Ausgaben der „Sanshinkai Letters“ finden Sie auf der Website von Graf Sensei: https://graf-dojos.ch/ im Bereich „Downloads“. Mit freundlicher Genehmigung von Eric Graf Sensei veröffentlichen wir diesen Artikel hier.
Eric Graf: Wann und wo bist du geboren? Und hast du Brüder oder Schwestern?
Renata Jocić: Ich bin Einzelkind aus Osijek, Kroatien, geboren am 16. April 1965. Ich war dort bis im Alter von 6 oder 7 Jahren. Ich bin dann eigentlich in Belgrad aufgewachsen.
Und du hast deine Schulen dort gemacht?
Ja, ich habe das Gymnasium dort besucht.
Und wie, wann bist du in die Schweiz gekommen?
Mit dem Zug!!! 🙂
Ok, also dann wieso?
Meine Eltern waren da. Und dann war ich immer wieder hier in der Schweiz und irgendwann blieb ich, weil sie ja immer noch da waren und nicht zurück kamen, also kam ich definitiv.
Was arbeitest du?
Ich arbeite als Aikidolehrerin.
Du machst aber auch etwas mit dem Theater?
Genau, das ist aber immer auch Aikido. Ich bin Dozentin and der Hochschule für Künste in Bern. Es ist die erste Hochschule der Künste der Schweiz. Und da bin ich Dozentin für Aikido. Die haben regelmässig Aikido, es gehört zu den Körperfächern. Dort unterrichte ich seit fünf Jahren schon.
Und die Schüler kommen auch hier ins Dojo?
Genau. Der Unterricht findet immer auf den Matten statt.
Und die kriegen ein Papier oder was?
Am Anfang war es ein Semesterbericht und seit ein Paar Jahren sind es Noten, die ich vergebe.
Dann hast du bestimmt eine Systematik aufbauen müssen?
Ja es ist viel mit Methodik und Didaktik verbunden.
Ist es dieselbe Methodik, die ihr mit Dragiša in der Aikidoschule verwendet oder ist es ein bisschen verschieden? Das heisst, kriegen die „gewöhnliche Aikidoschüler“ dieselbe Lehre, wie die von der Kunstschule, oder gibt es Unterschiede?
Wenn man diese Frage stellt, muss man eigentlich zuerst schauen, was das Ziel des Aikido ist. Das Ziel des Aikido, wenn man das definiert, wäre die Persönlichkeitsentwicklung. Es ist also die persönliche Förderung jedes Einzelnen gemäss seinen Möglichkeiten. Es geht um das Individuum, nicht um die Angleichung (dass alle Menschen gleich sind), und aus dem müssen sich übergeordnete Ziele ergeben, also Ziele, die eigentlich bei jedem Menschen zu suchen sind. Und das ist nicht anders bei den Schauspielstudenten als bei anderen Menschen, die Aikido machen, egal ob es kleine, grosse, junge, alte, bewegliche oder weniger bewegliche Menschen sind. Die Ziele wären also die gleichen. Durch die Methode einer Kampfkunst, körperlich/geistige Fähigkeiten zu entwickeln und zu fördern.
Wann und wo hast du mit Aikido angefangen?
In Belgrad, ungefähr 1981.
Und bis wann bliebst du in Belgrad?
Bis 1985-86, ich war schon seit 1984 in der Schweiz mit Unterbrüchen.
Und du hast Dragiša im Aikido kennen gelernt, in Belgrad?
Ja.
Und hast du auch, wie er, mit verschiedene Sensei’s gearbeitet, Tada Sensei, Fujimoto Sensei, Ikeda Sensei?
Damals gab es Ikeda Sensei noch nicht in Jugoslawien. Es gab ihn noch lange nicht. Damals war im Prinzip Fujimoto Sensei der technische Direktor, und über ihn, da wir immer wieder nach Italien gefahren sind, haben wir auch mit Tada Sensei trainiert. Aber Fujimoto Sensei und Hosokawa Sensei kamen zu uns.
Mit wem hast du deine 1., 2., 3. Dan gemacht?
1. Kyu und 1. Dan habe ich mit Fujimoto Sensei gemacht. Ab 2. Dan dann mit Ikeda Sensei.
Du hast logischerweise mit Ikeda Sensei angefangen als du in die Schweiz gekommen bist?
Genau.
Wann habt ihr die Schule geöffnet und wie ist es gekommen die Schule zu gründen?
Zuvor waren verschiedene Klubs mit Leuten, die hier in Bern trainierten. Dort hat auch Dragiša Trainings geleitet, ich wollte damals nicht Trainings geben, weil ich fand, mit 21 Jahren man noch viel zu jung sei, um vorne zu stehen und was zu unterrichten und damals war es noch nicht sehr üblich. Ich bin also sehr japanisch erzogen worden, sodass es nicht das Ziel ist Trainings zu Leiten sondern möglichst viel zu trainieren. Wir haben damals zwei Klubs besucht, beziehungsweise Dragisa hat dort Trainings geleitet und dann mussten wir aus den Räumen hinaus. Es waren verschiedene Überlegungen, was zu machen sei. Einige Leute kamen zu uns und sagten, dass wenn wir etwas machen, sie mit uns kommen würden. Aus dieser Anregung heraus haben wir einmal angefangen eine Halle zu suchen, wo wir Termine haben könnten. Das hat aber nicht geklappt, es war sehr schwierig, so etwas zu kriegen. Darum haben wir uns dann entschlossen ein eigenes Dojo zu eröffnen, eine Schule.
War es vom Anfang an am selben Ort?
Ein halbes Jahr waren wir Untermieter, das Haus sollte aber abgerissen werden, und seit 1992 sind wir hier. Ungefähr dann, mit 25-26 Jahren habe ich begonnen zu unterrichten.
Es ist nicht üblich, dass eine Frau so hoch gradiert ist im Aikido wie du. Was sind/waren die Schwierigkeiten oder die Vorteile von einer solchen Position?

Zunächst sehe ich das eigentlich nicht als eine Position, es ist ähnlich, wie mit dem, dass wir eigentlich nie unseres eigenes Dojo haben wollten, das war nicht unser Wunsch. Es war immer die Idee wir wollen einfach trainieren. Und das war auch der Grund, warum wir einverstanden waren, als die Leute mit uns kamen. Die Freude, weiter zu kommen, trainieren zu können, hat mich stets begleitet und meine Weiterentwicklung gefördert. Das war das wesentliche, was mich auf dem Weg begleitet hat. Das andere, diese Gradierung, ich hatte nie den Eindruck ich erkämpfe mir das, ich hatte immer den Eindruck, dass es eine natürliche Folge der vielen Trainings, der Arbeit an mir und auch der Freude, die ich dabei hatte, ist. Und daher kann ich nicht sagen, dass es schwierig war. Es war für mich ein ganz normaler Zustand, obwohl es mit wahnsinnig vielen Trainings und unaufhörlicher Arbeit verbunden war. Es hört nicht auf, wenn ich nach Hause gehe, es hört nie auf. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben auf das Aikido ausgerichtet. Seit wir hier sind habe ich nichts anders gemacht als Aikido trainiert. Einmal war die Entscheidung, ob ich studieren soll. Ich habe begonnen in Belgrad aber nicht wirklich fortgesetzt, dann sind wir hier hergekommen. Als wir dann das Dojo übernommen haben, war es klar, dass ich in dieser Richtung (Aikido) gehe und alles andere keine Rolle spielt.
Dragiša sagt von dir, dass er in seinem Leben nie jemand gesehen hat, der soviel arbeitet wie du.
Es ist etwas wunderbares, ich finde es zum stärksten, wenn sich Leute inspirieren. Dass es mich inspiriert, wenn Menschen hierher kommen mit denen ich arbeiten darf. Es gibt viele Menschen, die mich inspirieren, aber das ist ja auch unser Geheimnis. Es ist kein Geheimnis aber es ist die Stärke oder die Kraft, die wir haben, dass wir von einander diese Energie bekommen, und auch eben einander inspirieren und motivieren. Nicht in dem man hinter dem Anderen steht und puscht, sondern dass man mit eigener Arbeit voran steht. Das ist das, wo es dann kein Ende gibt an diesem Wachstum. Es scheint dass man Unmögliches schaffen kann, man hat Energie ohne wahnsinnig viel Aufwand, einfach, weil es sich im richtigen Moment vermehren kann. Es hat also nicht mit Gleichheit zu tun, es hat mit einem Dialog zu tun, indem nicht alles gleich gemeint ist. Es muss ein kritisches miteinander sein damit überhaupt etwas leben kann, sonst egalisiert sich das Ganze, du als Mathematiker kannst das sicher richtig verstehen.
Kommen wir zum Auvernier-Stage. Wie ist man auf die Idee gekommen diesen Stage zu gründen?
Nach meiner Erinnerung sassen wir ganz gemütlich mit Michele in diesem Luxus Hotel in Neuenburg und Michele hat davon geschwärmt, wo er wohnt und wie schön es da sei. Wir haben dann gefunden es gefällt uns dort, wieso machen wir nicht etwas, was für Geist und Körper stimmt. Aus dieser Idee, nach ein Paar Überlegungen, kam es so ein Seminar zu gründen. Natürlich war uns diese Konstellation sehr spannend, weil wir auch gesehen haben, dass jeder eine Persönlichkeit hat in dem, was er tut, auf der einen Seite, aber auf der anderen wir aber immer vom Selben sprechen. Wir betonen es anders aber wir sprechen von denselben Dingen. Und das ist wahrscheinlich auch ein Geheimnis zwischen uns, ein bisschen wie ich es vorher gesagt habe, zwischen Dragiša und mir, dass dieses Ungleiche eine grosse Verbindung hat, weil es tiefere Dinge gibt, die verbunden sind. Nicht das Äusserliche, es müssen viel tiefere Dinge sein, weil dann auch jeder in seine Rolle bleibt und auch Kritik ausgeübt wird, ohne dass man destruktiv wirkt.
Hast du in euren Schülern eine Änderung festgestellt zwischen vorher und nachher, als sie vom Stage zurück ins Dojo kamen?
Ja, immer wieder merke ich, dass sie eine ganz andere Energie, eine ganz andere Wachsamkeit auf die Matten bringen. Ich bin überzeugt, dass der Austausch mit anderen Menschen sehr wichtig ist. Ich bin nicht überzeugt, dass jeder Austausch etwas bringt, es muss an diesem Austausch auch gearbeitet werden. Gewisse Dinge müssen in diesen Austausch verbunden werden, damit es Sinn macht.
Und in dir, hat es etwas verändert?
Ja, ich finde es ist sehr wichtig, wenn du mit anderen arbeitest, es gibt dir einen anderen Blick auf deine Arbeit, einen Blick, den du sonst niemals haben kannst. Es ist etwas, dass sehr wichtig ist, damit du, für dich, immer wieder auf die Erde kommst und mal siehst, wohin es geht, dich führt, und auch, wo ihre Wege sind. Es gibt dir eine Orientierung. Es ist nicht ein Vergleich, es hat damit zu tun, dass man nie auslernt. Es hat nichts damit zu tun, dass man eine neue Technik lernt, die Qualität liegt im Austausch, in einer anderen Sichtweise, die eigentlich vom selben spricht. Ähnlich wie ich es gesagt habe für die Aikidoschüler und die Schauspieler: es geht eigentlich um dasselbe. Jeder wird es für etwas anderes benutzen, du gehst dann zur Arbeit und benutzt es in zwischenmenschliche Beziehungen, die Schauspieler gehen auf die Bühne und benutzen es, um eine Figur zu spielen. Aikidotechnik ist das Mittel zum Zweck.
Gut, vielen Dank, wir beenden es damit, obwohl ich noch vieles fragen möchte, wir müssen uns aber auch beschränken.
