Im Rahmen des zehn Jährigen Bestehens des Aikidojournals (heute Aiki-wiki), veröffentlichen wir eine 6 teilige Gesprächsreihe mit Gerhard Walter / Berlin
Lieber Horst,
du sprichst in deinem Interview mit Herrn Asai das Thema der Ablösung an. Ich teile nicht deine Meinung, dass uns dieses nie gelingt. Aber es gibt Umstände, in denen man sich aufgibt, wenn man einen Lehrer nicht verlässt. Auch ich will nicht die alten Geschichten aufwärmen, die Strukturen optimalen Lernens aber sind ein spannendes Thema, und das Lehrer-Schüler Verhältnis ist im Aikido von zentraler Bedeutung.
DIE INTELLIGENZ DES EINFACHEN
Die Rollenverteilung für optimales Lernens ist im japanischen Verständnis klar: ein Lehrer muss alles geben, ein Schüler muss alles nehmen. Erinnert sei daran, dass der Anspruch im Budo umfassend ist. Die dafür notwendige Radikalität ist nur möglich auf dem Fundament von Liebe und gegenseitiger Achtung. Der Lehrer ist Lehrer, weil er Geben ist, der Schüler ist Schüler, weil er Nehmen ist. Lehrer aber befinden sich nicht in der Spitze einer Leistungspyramide, sondern sie sind eins mit sich selbst und ihrem Tun. Sie demonstrieren im Budo nicht erfolgreiches Expertentum, sondern die überlegene Intelligenz des Einfachen. Das Einfache macht das Universum zum Dojo. Wenn man das Einfache realisiert, kann man von Liebe sprechen. An der Bedingungslosigkeit des Gebens also kann man einen Lehrer erkennen, an der des Nehmens den Schüler.
Wenn dem Schüler rückhaltloses Nehmen gelingt, wird natürlicherweise aus dem Nehmen irgendwann selbst ein Geben. Begabte Schüler ziehen selbst Schüler an, nehmen diese mit auf die Lehrgänge ihrer Lehrer. Sie leisten ihren Beitrag zur Verbreitung des Aikido, und entwickeln sich selbst langsam zu Lehrern. Jetzt ist der Lehrer gefordert, jetzt muss sich sein Aiki zeigen. Die Silbe Ai meint nämlich nichts anderes, als dass wir alle unter demselben Himmel, unter demselben Dach, leben und wachsen. Das kleine Rechteck unter dem Dach des Schriftzeichens Ai stellt eine Vereinfachung dar, früher waren es vier kleine Rechtecke, sie standen für viele Münder, viele Menschen vereint unter einem Dach, das klingt demokratisch – kosmopolitisch, wenn man das Dach als Universum versteht.
Wird das allmähliche einsetzende Geben des Schülers vom Lehrer jedoch nicht als Geben erkannt und anerkannt, führt das zur Entfremdung. Stolz legt die Katze die erjagte Maus auf die Terrasse, nicht damit die Menschen sie achtlos in den Mülleimer schmeißen. Einige Schüler bauen eigene Dojos auf, ziehen selbst Schüler hoch, nehmen sie mit auf die Lehrgänge ihrer eigenen Lehrer, nicht damit ihr Lehrer sie sich einverleibt.
Niemand will einen Geigenschüler hören, wie dieser im ersten Jahr die Tonleitern runterkratzt. Hat er sich aber einen oder mehrere großartige Lehrer gesucht und nimmt all das, was diese ihm zeigen können, wenn er irgendwann anfängt Musik zu denken, dann wird dieses Nehmen sich wandeln in ein Geben. Wenn sich Erfolg einstellt, kann sich mit Recht auch der Lehrer darin sonnen. Warum sollte ein erfolgreicher Musiker seine Lehrer verschweigen, von denen er so viel gelernt hat? In der Kunst regelt diese Emanzipation vom Lehrer der Markt selbst. Der Musiker macht die Verträge, er wird für die Konzerte bezahlt, die Zuhören wollen ihn hören.
Wenn aber der Lehrer den Erfolg seines Schülers als seinen Erfolg darstellt und versteht, wenn er den Schüler, der selbst schon in die Lehrerrolle hineingewachsen ist, allein die Position des Hilfslehrers zubilligt, ihm misstrauend die Rechte eines Lehrers vorenthält, dann wird der Lehrer selbst zum Hindernis. Wenn ein ambitionierter Schüler sich nicht von solch einem Lehrer befreit, schneidet er sich von seinen Wurzeln ab. Unsere Wurzeln liegen weniger im Aikido als vielmehr in unserem Sein selbst. Guten Sportlern gelingt das Einssein mit ihrem Sport, der »Meister« aber muss eins sein mit sich selbst. Im Aikido geht es nicht um die Meisterung des Aikido, sondern um die des Lebens.
Aber es gibt ebenso Schüler, die nicht rückhaltlos nehmen können, wie es Lehrer gibt, die nicht rückhaltlos geben. Ich habe viel über den Aspekt der Begabung nachgedacht, darüber, dass Hunderte unter ähnlichen Umständen trainieren, aber nur wenige sich wirklich gut entwickeln. Wir greifen dann auf die Zuschreibung von Begabung zurück, weil wir eigentlich nicht wissen, was einen Menschen befähigt zu lernen, bzw. was ihn daran hindert. Ich glaube nicht an Begabung, was sich dahinter versteckt ist nichts anderes, als die Fähigkeit zur Hingabe an ein Tun. Ist ein Lehrer förderlich, muss man alles nehmen, empfindet man diese Förderung nicht mehr, muss man den Lehrer verlassen, es ist purer Darwinismus. Nur sollte der Schüler auch die Sensibilität und die Kraft haben, die Förderung des Lehrers für sich zu ergründen, was sicher nicht leicht ist, da er eben nicht über das Wissen des Lehrers verfügt, Leichtfertigkeit ist hier nicht erlaubt. Aber Menschen, die zur Hingabe fähig sind, sind in der Regel nicht leichtsinnig.
Es gibt den Ausspruch: »Wenn ein Nagel hervorzeigt, muss man ihn einschlagen«. Morihei Ueshiba soll darauf geachtet haben, dass an der Spitze mindestens drei Personen gleichhoch graduiert waren, damit keiner von diesen einen zentralen Anspruch entwickeln konnte. Auch in Deutschland wurden 1969 drei Personen gleichzeitig zum ersten Dan geprüft. Dieses Machtdenken – oder ist es Misstrauen? – der Lehrer ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt. Diese Information, dass im Aikido nach Möglichkeit vermieden wird, dass sich eine einzige Person in der Spitze der Leistungspyramide etablieren kann, habe ich von Herrn Asai. Vielleicht liegt das Machtdenken allzu sehr im Charakter des Budo.
Aber wie kann, wenn es doch um natürliche Bewegung geht, überhaupt eine Leistungspyramide entstehen? Es gibt Meisterschaften, Wettkämpfe, Graduierungen, Hackordnungen im Budo, sollen diese dem Menschen darin dienen, sich selbst zu finden? Es ist richtig, dass natürliche Bewegung für äußerste Effektivität steht, und dass diese sich zeigen muss. Man muss den Uke bewegen können, ihn einfangen, Ueshiba sprach von Aufsaugen. Aber es ist wichtig, dass daraus kein Wettkampf entsteht, keine Hierarchie. Ein Lehrer repräsentiert nichts anderes, als natürliche Bewegung.
Herr Tamura beschreibt in seinem Interview derselben Ausgabe, dass er viele vergebliche Aufrufe verfasst hatte, eine europäische Organisation zu schaffen, die alle Japaner und Europäer vereinen sollte. »Ich hatte nicht daran gedacht«, schreibt er, »dass in jedem Land die persönlichen Geschichten (individuelles Denken) über das Allgemeininteresse hinausgehen«. Dieses sehr »individuelle Denken« im Aikikai Deutschland führte zu einer Situation, in der wir uns aufgegeben hätten, hätten wir unseren Lehrer nicht verlassen. Liebe ist Geben, wenn kein Festhalten da ist, gibt es keinen Grund zu gehen. Nicht die Technik, sondern die Liebe selbst ist die Wurzel, aus ihr erwächst das Aiki.
Wenn dieses keine hohlen Worte sein sollen, sondern Praxis, dann sollten die Lehrer eins sein mit ihrem Aikido. Die »Meister« sollten also eins sein mit ihrer Bewegung. Das Kriterium für richtiges Budo ist offensichtlich, es muss das Uneinssein beenden. Die Philosophen haben vor dem in Gegensätzlichkeit sich verfangenden Bewusstsein kapituliert – Nietzsche riet deshalb: sich dem Leib zuwenden, er ist das reichere Phänomen, die Dichter: Kleist (Marionettentheater): »Ich weiß gar wohl, welche Unordnung das Bewusstsein in unserem Körper anrichtet«, und die AikidoLehrer haben ebenfalls kapituliert: Bewegen, bewegen, bewegen. Die selbsternannten Lehrer durchschauen den Mangel nicht, der sich in ineffektiver Bewegung ausdrückt, es ist das Nichtbeachten des Ganzen. Richtige Lehrer durchschauen den vermeintlichen Dualismus, die vermeintlich falsche Bewegung. Sie lehren, wie man aufhört, Gegensätzlichkeit zu kreieren. Sportler schwimmen gegen den Strom, Aikidoka aber sollten – unter Anleitung ihrer Lehrer – mit dem Strom schwimmen.
»Ich halte wie in Trance«, beschreibt der Welt-Handballer des Jahres 2005, Henning Fritz, und spricht davon, dass in solchen Momenten bei ihm Handeln und Bewusstsein verschmelzen. Warum sollte jemand Aikido machen, wenn nur in der absoluten Leistungsspitze derartige Integrität realisiert wird? Lehrer also erkennt man nicht allein am selbstlosen Geben, sondern auch daran, dass sie lehren, wie man aufhört, Zerrissenheit zu kreieren. Richtiges Aikido ist kein Weg des Lernens durch den Körper, es ist ein Weg des ganzen Menschen. Am Anfang war nicht das Wort, Bewusstsein ist aller Bewegung Anfang. Deshalb lehre ich nicht AikidoZen oder Zen, sondern bewusstes Sein. Aikido-Zen stellt mein Instrumentarium dar, das Verständnis vom Ganzen in Einklang zu bringen mit der Praxis und mit dem Leben.
