Der Artikel wurde auf der Website des Aikido Ikeda Dojo Praha entdeckt. Anschließend erteilte der Autor Christian Andiel freundlicherweise seine Zustimmung zur Veröffentlichung des Interviews auf Aiki-wiki.
Christian Andiel: Michele Quaranta, was fasziniert Sie am Aikido?
Michele Quaranta: Der Bezug zum eigenen Körper, die Nähe zur Natur, zum Universum, und auch die friedvolle Botschaft, die Aikido vermittelt. Es geht ja vor allem darum, den Zweikampf zu vermeiden.
Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, um Aikido machen zu können?
Spezielle körperliche Voraussetzungen braucht es nicht, in Frankreich gibt es mittlerweile Versuche, Aikido auch mit Teilgelähmten und Blinden durchzuführen. Es gibt keine altersbedingten Einschränkungen, wir haben hier in unserer Schule auch Training für Kinder ab acht Jahren. Im Grunde genommen müsste man sehr früh mit Aikido anfangen, denn unsere Zivilisation bringt Menschen hervor, die entweder gar keinen Bezug mehr zum Körper haben oder die absoluten Leistungssport betreiben. Dazwischen gibt es nichts.
Und Aikido kann diese Lücke füllen?
Genau, denn Aikido erlaubt dem Menschen den Wettkampf mit sich selbst – und zwar ohne Leistungsdruck, ohne den Zwang einen Titel zu holen oder Geld zu verdienen.
Daraus spricht die asiatische Denkweise, aber sind wir in unseren Breitengraden denn überhaupt bereit, ohne Druck, ohne konkrete Ziele wie Aufstieg oder Geldprämie zu arbeiten?
Das ist ein Konflikt, den jeder Mensch einmal für sich lösen muss: Solange ich jung bin, kann ich siegen, aber irgendwann bin ich zu alt dafür. Ich kann mich aber schon sehr früh mit diesem Problem auseinandersetzen – und dann erlebe ich den Wettkampf völlig anders. Denn dann ist nicht mehr der Sieg das eigentliche Ziel, sondern die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten. Und das ist in jedem Alter, auf jeder Stufe in jeder Lebenssituation möglich.
Das heisst also nicht, dass jemand, der Aikido macht, nicht mehr für den Wettkampf taugt, quasi «verweichlicht»?
Ganz im Gegenteil. Es stärkt die Haltung gegenüber dem Wettkampf, ohne dass man sich verhärtet. Man versucht, frei zu bleiben von Blockaden. Man verliert nicht die Angst, etwa vor dem Sieg, vor der Niederlage, denn Angst ist ein wichtiges Gefühl – aber man lernt, der Angst ohne Emotionen zu begegnen.
Heisst das, im Aikido wird der Konflikt umgangen?
Übt man Aikido wirklich in Perfektion, dann kommt es gar nicht zum Konflikt. Man weicht solange aus, bis der andere den Unsinn, das Nutzlose seines Angriffs einsieht. Befinde ich mich in Lebensgefahr, so kann ich die Technik allerdings schon auch anders gebrauchen, es gibt im Aikido sehr gefährliche Griffe.
Es geht also vor allem darum, seinen eigenen Körper zu beherrschen?
Nicht nur den Körper, auch den Geist. Ich finde den Begriff «beherrschen» nicht gut, wir sprechen lieber von den Körper «verstehen», den Körper «benützen». Ich denke, dass der Körper eine eigene Intelligenz hat, die vergleichbar ist mit der Intelligenz des Geistes. Beide müssen zusammen arbeiten. Manchmal ist der Geist viel weiter, und er zwingt den Körper zu einer Handlung – dann verletzt sich der Körper. Es braucht eine Balance, der Geist darf nicht nur befehlen, er muss auch auf den Körper hören.
Der Anteil an Frauen in den Trainings ist sehr gross.
Das ist typisch für Aikido. Mein Lehrer (Sensei Masatomi Ikeda) sagt: «Wenn ein Dojo viele Frauen hat, dann ist es ein gutes Dojo.» Ich habe ihn gefragt: «Warum?» Und er hat geantwortet: «Frauen akzeptieren nicht alles.» Männern kann man sagen, mach dieses, dann wirst du gut. Frauen sagen hingegen: Halt, mein Körper verträgt nur dieses oder jenes. Und dann muss man den richtigen Weg finden, der ohne Kraft zum Ziel fährt.
Wieso ohne Kraft? Woher kommt denn die Energie, um den Gegner auf den Boden zu zwingen?
Wir lernen im Aikido Bewegungen, die wir mit der Energie verbinden, die uns der Angreifer entgegenbringt. Diese Energie lenken wir auf den Angreifer zurück, der Angreifer wird also mit seiner eigenen Kraft konfrontiert.
Wie lange braucht es, um Aikido perfekt zu können?
Mit Aikido ist man nie fertig, denn die Perfektion wird nie erreicht. Sobald man ein gewisses Niveau erreicht hat, eröffnen sich neue Ziele.
Spüren Sie bei sich oder bei anderen Auswirkungen des Aikido ausserhalb des Dojo im Alltag?
Die grösste Veränderung bei allen, die Aikido machen, ist die Haltung. Wir sind emotional viel belastbarer als andere Menschen. Wir spüren mit der Erfahrung die Gefahr – und Gefahr ist nicht nur ein Angriff, das kann auch eine ganz einfache Begegnung sein. Man spürt, dass dieser Mensch im Moment einfach nervös ist, und deshalb lassen wir ihn in Ruhe. Aikido bringt uns eine Lebensqualität, eine gewisse Ruhe und Ausstrahlung.
Am Ende des Trainings haben sich die Gruppe und Sie in eine bestimmte Richtung verbeugt. Ist das ein Gebet?
Nein, keineswegs. Viele denken, wir verbeugen uns vor dem Foto, das an der Wand hängt: Es zeigt den Meister Morihei Ueshiba, der Aikido begründet hat. Das stimmt aber nicht, wir verbeugen uns in diesem Moment alle vor dem Weg, den jeder und jede für sich geht. Und dann drehe ich mich um, und wir verbeugen uns wieder alle: Damit bedanken sich die Schüler und Schülerinnen dafür, was sie bei mir gelernt haben – und ich bedanke mich dafür, was ich bei ihnen habe lernen dürfen. Wir haben die Lektion beendet, alle gehen und jeder versucht, diese Haltung im Alltag zu bewahren.
