Im Rahmen des zehn Jährigen Bestehens des Aikidojournals (heute Aiki-wiki), veröffentlichen wir eine 6 teilige Gesprächsreihe mit Gerhard Walter / Berlin
Lieber Horst,
herzlichen Glückwunsch zum zehnjährigen Bestehen des Aikidojournals. Du philosophierst im Vorwort der letzten Ausgabe über den Wunsch vieler Lehrer, ihr Einkommen aus dem Dojo zu beziehen. Philippe Orban beschreibt in einem Artikel derselben Ausgabe seine diesbezüglichen Probleme. Dabei könnten leicht hunderte von Lehrern in Deutschland vom Aikido leben, wenn sie denn könnten.
In einer Zeit, in der die Menschen Füße haben, um darüber zu stolpern, sollte es leicht sein, ein Dojo zu füllen. Aber anstatt das Einssein mit den Füßen zu lehren, vermitteln die Aikido-Lehrer die Technik, wie man angeblich effektiv ist und nicht mehr über die Füße stolpert. Weil sie trotz ihres falschen Übens allmählich Fortschritte machen und weil sie ihre Lehrer auf den Schultern tragen, sagen diese ihnen nicht, dass man durch Bewegung seiner Integrität nur sehr bedingte näher kommt.
»Einssein mit seinen Füßen«, jetzt sind wir bei der Religion. Religare oder religio meint Zurückbinden, Rückführung. Jesus sprach deshalb: »Wenn du aus den Zweien Eins machst und wenn du das Innere wie das Äußere und das Äußere wie das Innere machst und das Oben wie das Unten und wenn du aus dem Männlichen und dem Weiblichen ein und dasselbe machst… dann wirst du eingehen in das Königreich Gottes« (Thomasevangelium). Es geht also schlicht um die vermeintliche Trennung von Geist und Körper. Weil diese Dualität im Bewusstsein erfunden wird, spreche ich von der Notwendigkeit das Ganze im Bewusst sein wieder zu finden, von einem »Bewusstsein des Ganzen«. Wie nun macht man aus Zweien Eins? Indem man aufhört, der Beschreibung der Wirklichkeit zu unterstellen, sie könne das Reale fassen.
Religio meint die Rückführung des in Gegensätzlichkeit gefangenen Bewusstseins zum Ganzen. Dann verschmelzen natürliche Bewegung und die Techniken des Aikido. Dem Bewusstsein mangelt es an nichts mehr, als am bewussten Sein. Das Sein kommt vor der Reflexion, es ist unverlierbar unser aller Kern. So aber, wie Religionen in Dogmen erstarren, wenn Menschen ihnen nicht auf den Grund gehen, so erstarrt Aikido zum Sport mit Anspruch. Schon der alte Grieche Parmenides hatte über jenen Riss im Hirn (Bewusstsein) gewettert, der sich in der Gegenüberstellung von Sein und Nichtsein ausdrückt.
Apropos religio: Ich las vor einiger Zeit Auszüge aus einem bald erscheinenden Buche des Herrn Ratzingers. Titel: »Die Kraft der Gegenwart«. Man könnte dieses auch mit Aiki übersetzen, das Ki des Ganzen, das immer gegenwärtig ist. Und in den Lehrreden des letzten Papstes hieß es, dass im Mittelpunkt der Mensch stehe, dass Jesus lediglich für ein Ideal stehe, die Rückführung des Individuellen zum Göttlichen (Ganzen). Die Dogmen, die Tamura Sensei im Christentum bemängelt, wären dann der Einsicht geschuldet, dass man jene zufrieden stellen müsse, die sich aufs Glauben beschränken, weil sie das Eine nicht realisieren.
Tamuras Senseis Darstellung, der Schintoismus sei pures Leben, ist aber doch etwas naiv. Es gibt wohl kein größeres und auch kein schlimmeres Dogma als jenes, das die Auserwähltheit eines Volkes propagiert. Dagegen erscheint mir das Dogma der unbefleckten Empfängnis geradezu heiter. Dass sich nach dem zweiten Weltkrieg diesbezüglich in Japan so viel zum Positiven verändert hat, ist zu bezweifeln. Derzeit erleben wir große Spannungen zwischen Japan und China, weil der japanische Ministerpräsident regelmäßig einen Schintotempel besucht, in dem auch Kriegsverbrecher geehrt werden. Koizume kann diese Besuche aber nicht einstellen, weil die Konservativen Kräfte im Lande dieses nicht akzeptieren würden. Da lebe ich doch lieber in einem Land, das einen Mann wie Willi Brand zum Kanzler wählen konnte.
Ein Mitläufertum in der Religion ist ebenso langweilig wie ein Mitläuferaikido. Wer daran glaubt, in zehn Jahren sich selbst näher gekommen zu sein, scheitert in diesem Augenblick, er verfehlt die Unendlichkeit dieses Augenblicks und damit sich selbst. Und hier schließt sich der Kreis. Wer eins ist mit seinen Füßen – es reicht nicht aus, dieses zu behaupten – der wird vom Aikido leben können. Wer sich aber um nichts kümmert, wer sich einfach bewegt, verfehlt sich auch. Denn die Menschen bewegen sich nur scheinbar »einfach«. Das Nicht-Einfache jedoch ist nahezu vollkommen getarnt, es ist normal.
Noch einmal ein Verweis auf deinen Bezug zur Politik in der Einleitung von Heft »3«. Wenn ich sage, dass viele hundert Aikido-Lehrer vom Aikido leben könnten, dann meine ich, dass wir überall, wo wir hinschauen, den Mangel an Integrität sehen, ja anfassen können. Der sich hier auftuende Bedarf ist riesig. Neben meiner Arbeit im Dojo leite ich Seminare mit Führungskräften und Therapeuten. Das Verständnis von Ganzheit ist eine absolute Notwendigkeit, es ist die Forderung der Stunde. Leider aber lehren die Aikido-Lehrer nur eine mehr oder weniger gute Bewegungspraxis. Viele haben intelligente Ideen zu ihrem Tun, das heißt aber noch nicht, dass Denken und Handeln eins sind. In einer Gesellschaft, in der Integrität ein hoher Wert beigemessen wird, kann jeder, der eins mit sich ist, auch davon leben.
Wer Aikido als sein ganz persönliches Ausdrucksmittel für Integrität benutzt, wird ein volles Dojo haben und kann hohe Beiträge nehmen. Anders herum: wer versucht von Aikido zu leben, der sollte darüber nachdenken, dass sein Aikido nichts anderes ist, als ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Die »Nach-unten-Schauer«, deren Aufmerksamkeit nicht eins ist mit der Situation, nicht eins mit dem Uke, woher nehmen die das Recht zu fordern, vom Aikido leben zu können? Sie beklagen die mangelnden technischen und pädagogischen Fähigkeiten der ersten Dane, weil sie selbst nicht zum Kern des Aikido vorgestoßen sind. Verlangen natürliche Bewegung und Natürlichkeit etwa pädagogische Fähigkeiten? Der Kern des Aikido ist der Kern des Menschen. Es ist, wie Tamura Sensei richtig sagt: »Es geht um die Integrität der Menschen, diese allein zählt, nichts anders«.
Während er in die Versammlungshalle trat, sagte der Meister Huang-po: »Der Besitz vieler Arten von Kenntnissen lässt sich nicht mit dem Aufgeben der Suche nach irgend etwas vergleichen. Das ist das Beste von allem. Es gibt nicht verschiedene Arten von Geist, und es gibt keine Lehre, die in Worte gefasst werden kann. Da nichts weiter zu sagen ist, ist die Versammlung geschlossen.«
Ist das etwa Pädagogik? Ist das etwa technische Fähigkeit? Das ist der Ausdruck von Verstehen, was man auch Nichtwissen nennen könnte. Meister Huang-po ist in die Geschichte eingegangen, die Aikido Pädagogen dagegen werden es nicht weit bringen.
