Dieser Artikel wurde ursprünglich in der dritten Ausgabe der „Sanshinkai Letters“ veröffentlicht, die im Mai 2005 veröffentlicht wurde. Die „Sanshinkai Letters“ waren eine von Eric Graf Sensei herausgegebene Publikation. Alle Ausgaben der „Sanshinkai Letters“ finden Sie auf der Website von Graf Sensei: https://graf-dojos.ch/ im Bereich „Downloads“. Mit freundlicher Genehmigung von Eric Graf Sensei veröffentlichen wir diesen Artikel hier.
Eric Graf: Wann und wo bist du geboren?
Francesco Marrella: Am 29. März 1948, in Kalabrien, in Italien.
Hast du Brüder oder Schwestern?
Ja, wir sind eine grosse Familie: wir sind 8 Brüder! Ich bin ein Zwilling, aber nur ich mache Aikido. Mein Zwillingsbruder hat auch etwas gemacht, Karate, Schwingen, Kick-Boxing, aber nur als er jung war, jetzt nicht mehr.
Wann hast du mit Aikido angefangen?
Am 5. Mai 1971 habe ich mich in dem Klub angemeldet. Seit dann habe ich immer im Minimum 2-3 Mal pro Woche trainiert.
Deine Frau kommt aus Mazedonien?
Ja.
Hast du Kinder?
Ich habe zwei Kinder, die sind jetzt 22 Jahre alt. Es sind auch Zwillinge! 🙂
Hast du immer nur Aikido gemacht?
Ein erstes Jahr habe ich nur Judo trainiert, ein Jahr später habe ich mit Aikido angefangen. Am Anfang gab es kein Aikido in unserem Dojo, nur Judo. Nachher hat unser Präsident eine Abenddemonstration plus einen Training mit einem Aikido-Lehrer damals 2. Dan vom Nippon Zürich organisiert. Wir waren alle an diesen Abend eingeladen an dieser Demonstration und Training teilzunehmen. Ich wurde von diesen Bewegungen aber auch von den Uniformen (Hakama) fasziniert. Für mich sind die Kleider sehr wichtig, weil ich Schneider gelernt habe, somit kommt es immer im ersten Augenblick auf die Kleider an. Bevor ich in die Schweiz gekommen bin habe ich fünf Jahre in Rom gelebt. Während dieser fünf Jahre kam ich jeden Tag an einer Turnhalle vorbei und in dieser Turnhalle trainierten die Leute eine Sportart. Ich wusste nicht welche Sportart das war. Ich schaute immer durch das Fenster hinein und fand es schön. In der Schweiz habe ich mich dann auch an das erinnert, es war Aikido. Ich habe dann parallel während 6 Jahre Aikido und Judo trainiert. Ich trainierte jeden Tag, fünf Mal pro Woche, dreimal Judo und zweimal Aikido. Dann ist Sensei Ikeda in die Schweiz gekommen.
Wann war das?
Sensei ist 1977 gekommen. An diesem Moment habe ich mich entschieden Aikido weiter zu trainieren.
Warst du damals schon 1. Dan?
Nein, als der Sensei gekommen ist, hatte ich schon 5-6 Jahre Aikido praktiziert aber keine Prüfungen gemacht! Alle andere auch nicht, wir waren alle Mukyu (ohne Grad)! Es gab keine Kyu-Grade in der Schweiz, nur Weiss-Gurt und Schwarz-Gurt. Die erste Gradierung für KyuGrade wurde in der Schweiz von Sensei eingeführt. Er hat Ordnung in der ACSA gebracht. Nach einem Jahr Training mit Sensei Ikeda hat er mir den 1. Kyu gegeben. Es war eine grosse Prüfung für mich. Parallel habe ich auch den 1. Kyu in Judo gemacht, ich war sehr stolz. Dann, zwei Jahre später, 1980, habe ich das 1. Dan gemacht, in Le Brassus (Jura). Wir waren zwei von Wohlen, ich und Harald Wölfle. Wir waren die zwei ersten Dan-Grade im Kanton Aargau. Ich habe dann immer weiter die Schule, die Trainings von Sensei Ikeda besucht. Er kam auch bei uns sowie auch in andere Dojos vorbei. Ich habe alles mit ihm gemacht.
Und wann hast du mit deinem eigenen Dojo angefangen?
Ich habe in mehrere Orten angefangen. Zuerst in Wohlen. Während vier Jahren habe ich dann eine Sektion Aikido geleitet in Birmensdorf (Zürich). Parallel zu dies habe ich auch mehrere Male in Affoltern Trainings für Perioden von 3-4 Monate gegeben, in einem Judo-Klub. Nach Birmensdorf bin ich zurück nach Wohlen gegangen, in dieser Zeit war ich 2. Dan. Der 3. Dan ist dann schnell gekommen und ich habe die Verantwortung für Wohlen übernommen, weil der andere Trainer weg ging, um einen eigenen Dojo zu gründen. Seit dieser Zeit bin immer in Wohlen und leite dort die Trainings.
Hast du neben des Aikido immer gearbeitet?
Ja, ich habe immer 100% gearbeitet und habe Freude, am Tagesende, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, zum Aikido zu gehen.
Hast du eine starke Erinnerung von einer Episode mit Sensei Ikeda?
Ich hatte es in den ersten paar Jahren nicht sofort verstanden, aber später habe ich es bemerkt: für mich ist Sensei Ikeda ein sehr grosser Meister gewesen. Ich habe immer versucht soviel wie möglich mit Sensei Ikeda zu trainieren. Ich habe vieles gesehen mit Sensei Ikeda, er ist wirklich ein grosser Meister und viele Leute haben ihm vielleicht diesen Wert nicht zuerkannt. Er ist unglaublich gut, und ich kann das sagen, da ich jede Woche während mehr als 15 Jahren mit Sensei Ikeda trainiert habe. Ich bin bei ihm ins Dojo gegangen aber wir sind auch einmal pro Woche ins Restaurant gegangen, sind viel zusammen mit dem Auto gefahren; wir haben viele Stunden zusammen verbracht. Wir haben viel geredet, nicht nur über Aikido, auch andere Sachen. Sensei Ikeda hat sich für sehr vieles interessiert, er hat immer viele Frage den Leuten gestellt. Er ist immer neugierig gewesen über was wir machen, wie wir leben. Ich kann Sensei Ikeda nicht vergessen, seine Art, seine Figuren, wie er Aikido praktiziert hat, wie er zu den Leuten kam, es war sensationell. Ich habe auch viele Demonstrationen mit ihm gemacht. Überall, nicht nur hier in der Schweiz, wir sind zum Beispiel in Mailand gewesen, und es war immer eine super Sache!
Wenn du etwas zu den Aikidoschülern sagen könntest, zu allen, eine Kritik, einen Rat, was würdest du sagen?
Als ich mit Aikido angefangen habe, hatte ich viele Probleme, weil ich mehr motiviert war als andere. Dann, auf der Seite der Aikidoschule verlange ich auch sehr viel und erwarte immer viel vom Lehrer. Jetzt, nach vielen Jahren Arbeit bin ich langsam auf die andere Seite gekommen, die Seite des Lehrers und die Schüler sind vis-àvis. Ich sagte es mehrere Male zu meinen Schülern: ich bin auch immer noch Schüler, und ich behalte nichts als ein Geheimnis, ich gebe alles was ich kenne. Ich probiere auf alle Arten, was ich sage klar zu machen. Ich höre den Leuten zu, was sie brauchen, und probiere dann es ihnen zu geben. Dies ist meine Art zu lehren. Auf der anderen Seite müssen die Anfänger nicht vergessen, dass der Lehrer auch Respekt haben muss. Ich habe vielleicht Glück, weil ich bis jetzt diesen Respekt in meiner Schule gehabt habe. Ich danke auch meinen Schülern, die immer mitgeholfen haben, überall wo ich hingehe bin ich nie alleine. Ich merke auch, dass wenn ich in einen Stage trainiere oder in einem Kurs bin, dann wollen fast alle immer mit mir trainieren. Dies gibt es nicht bei jedem. Gewisse Leute haben immer Mühe ein Partner zu finden, bei mir ist es nicht so. Ich probiere auch immer dem Partner die Technik zu Lehren aber nicht unbedingt mit Worten. Ich versuche zu zeigen. Jeder braucht seine Zeit zum Lernen, manche sind schnell, andere eher langsam. Im Aikido gibt es keinen Wettkampf, also muss man nicht unbedingt alles in einer Lektion lernen, man muss einfach Mut, innere Kraft und Geduld haben, das sind die Sachen die man braucht, um Aikido zu trainieren. Ohne Geduld ist Aikido viel schwieriger. Aikido ist nicht nur Technik. Aikido ist viel mehr, Aikido ist ein Partner für das ganze Leben. Er ist immer mit uns. Diese Philosophie, die im Aikido ist, muss man auch respektieren. Ich weiss, dass die Jungen mehr spontan sind, sie wollen sofort eine Technik lernen, ich verstehe es, es ist so. Aber jetzt mit meinem Alter, nach vielen Erfahrungen, denke ich ganz anders. Ich denke, dass Aikido etwas Schönes ist, wir leben mit dem Aikido, mit diesen Techniken, und Aikido ist immer präsent in unserem Körper. Ich spüre das, vom Morgen bis am Abend. Egal ob ich arbeite oder nicht. Vom Montag bis am Sonntag. In jeder Zeit, er ist immer dabei, egal wo ich bin, beim Essen, an der Arbeit oder mit Kollegen. Ich mache ständig Aikido, man kriegt eine andere Sensibilität mit den Leuten. Es ist interessant…
Kommen wir zum Auvernier Stage. Wie ist es gekommen den Auvernier Stage zu gründen?
Das ist eine gute Frage. Viele stellen diese Frage. Ich, Dragiša, Renata und Michele sind einmal zusammen an einem Tisch gesessen und fragten uns warum wir nicht einmal einen Stage zusammen geben wollen, nur zum Spass. Michele hat dann die Idee wahrgenommen und sagte er schaue, um dies in Auvernier zu organisieren. Er wohnte dort und fand es sei ein guter Ort, am See. Alle vier waren einverstanden. Wir haben also entschlossen es zu versuchen. Wir hatten aber keine Idee, ob dieser Stage Erfolg haben wird. Wir haben improvisiert. Das erste Jahr ergab ein sehr gutes Resultat. Mit den Jahren haben wir gesehen, dass immer mehr Leute kamen. Die Leute sind immer mehr motiviert an diesen Stage zu kommen. Der Grund ist vielleicht nicht, weil man dort spezielle neue Techniken lernen kann, sondern weil es eine neue Art ist: vier verschiedene Personen präsentieren Aikido auf verschiedene Arten aber können trotzdem zusammen trainieren. Der Stage mit Dragiša, Michele und Renata zu machen hat mich mit denen mehr verbunden. Alle vier haben gemerkt, dass wir zusammen trainieren können. Viele fragen warum Michele, Renata, Dragiša und Francesco? Warum nicht ein(e) fünfte(r) oder sechste(r)? Zum Zeitpunkt des Entscheids waren wir diese vier, wenn ein fünfter dabei gewesen wäre, wäre vielleicht diese fünfte Person heute auch dabei. Jetzt sind wir aber zufrieden mit dieser Gruppe. Wir arbeiten gut. Die Aikidokas sind zufrieden. Und ich denke, dass alle von uns in der Zukunft so weitermachen wollen. Die Leute warten auf diesen Stage und wir geben wirklich alles in diesen Stage. Es ist eine wenig ein Familien Stage, es sind keine japanischen Meister dabei. Wir benutzen andere Worte, um die Techniken zu erklären. Wir sind ganz nah an den Leuten. Dies ist das Resultat vom Stage.
Hat der Stage in deinen Schüler und in dir etwas geändert?
Ja. Ich habe gesehen, dass wenn die Leute meines Dojos vom Stage zurückkommen, dann haben sie sehr viel Freude gehabt und fast das ganze Jahr reden sie nur von diesem Stage, von dieser Atmosphäre. Diese Atmosphäre ist so entstanden, weil diese vier Personen dort zusammengehören, die eine gute Konstellation bilden, um Aikido weiterzugeben. Obwohl wir verschiedenen sind reden wir gleich. Wir finden immer einen Mittelwert, um Aikido zu machen. Dies ist wichtig. Es ist nicht wichtig welche Form von Shihonage oder Genkei Kokyunage wir machen. Die Leute merken das. Sie sind immer mehr motiviert und sagen nächstes Jahr kommen sie wieder. Es ist schön und interessant in dieser Art zu trainieren. Wir haben bemerkt die Leute sind das erste Mal gekommen, das zweite Mal auch, das dritte Mal auch und das vierte Mal auch! Wenn der Stage schlecht wäre, nach dem ersten Mal wären die Leute nicht mehr gekommen. Vielleicht ist es die Kombination die gut ist oder die Jahreszeit oder sind wir wirklich gut?!? 🙂 Ich bin sehr zufrieden mit diesem Stage. Als ich Aikido angefangen habe, habe ich nie gedacht ich würde einmal so ein Seminar geben. Mein Ziel war ganz anders, ich habe Aikido so einfach aus Spass angefangen, um etwas mit Leuten am Abend machen. Mein Ziel war nicht Schwarz-Gurt zu werden. Ich wusste nicht einmal, was ein Schwarz-Gurt bedeutet. Nachher, wenn du immer dabei bist und immer trainierst, kommen diese Gurten automatisch. Ich weiss nicht was die anderen denken, jeder hat seine Motivation zum trainieren. Warum nicht in der Zukunft noch einen zweiten Stage an einem anderen Ort, in einem anderen Monat zu machen? Das Ziel ist ja die Leute zufrieden zu stellen. Dreieinhalb Tage Freude zu haben, das ist das Ziel, nicht nur müde nach Hause zurückzukommen!
Vielen Dank!
