Aiki-wiki

Interview – Gerhard Walter – 2005 – Teil 2

Im Rahmen des zehn Jährigen Bestehens des Aikidojournals (heute Aiki-wiki), veröffentlichen wir eine 5 teilige Gesprächsreihe mit Gerhard Walter / Berlin

Gerhard Walter:

Lieber Horst,

im Essay: Geist – Technik – Körper (vgl. Aikidojournal 41D, S. 17) wird auf die Darstellungen des Schwertmeisters Yagyu Jubei verwiesen, wie man üben sollte. Herr Jubei sagte demgemäß: »In der Schwertkunst gibt es die Methode, von den Prinzipien des Geistes her einzutreten und die Methode, durch die Anstrengung des Körpers einzutreten. Beide Wege sind gut, aber wer durch das Prinzip des Geistes eintritt ist schneller als jener, der durch die Anstrengung eintritt.«

Ich teile nicht die Ansicht, dass beide Zugänge gut sind. Es sind ausnahmslos Spitzensportler, die von natürlicher Bewegung sprechen. Vielleicht war zu Jubeis Zeit das Grundverständnis in Japan noch ganzheitlicher, so dass der Weg der Anstrengung allein schon zum Überwinden von Dualität führen konnte. Dagegen spricht jedoch der Streit, der derzeit die deutsche Kyudo Szene spaltet. Bogenschießen wurde und wird demzufolge in Japan als Technik verstanden. Allein der Lehrer Eugen Herigel bezog sich auf den Gedanken des Do, wofür ihm heute führende japanische Bogenmeister vorwerfen, er hätte Texte anderer Lehrer falsch interpretiert.

Der Zugang über die Prinzipien des Geistes – wie Tada Sensei es nennt – widerspricht nicht der Notwendigkeit auch die Technik zu verstehen, auch kann es kein Aikido geben ohne Verausgabung. Wer Meister Tada einst in Europa kennen lernen durfte, wird das bestätigen. Es war ein sehr hartes Training in der Via Eleniana. Einmal war sein Training derart die Beine belastend, dass sich mir, der ich vorher nur einmal einen wirklich starken Muskelkater gehabt hatte (auf dem Sommerlehrgang mit Herrn Asai in Bonn), während der Pausen permanent die Muskulatur verkrampfte. So konnte ich immer nur auf einem Bein stehen, während ich das andere schütteln musste, um den aufkommenden Krampf zu verhindern. Das hatte abwechselnd zu geschehen, da schon nach wenigen Minuten sich die Muskulatur des Standbeins begann zu verkrampfen. Das zum Zugang über die Prinzipen des Geistes.

Es wird hoffentlich deutlich, dass ich ein Aikido, das nicht den Zugang über die »Prinzipien des Geistes« wählt, für Zeitverschwendung halte, es ist nicht viel mehr wert als Sackhüpfen. Von den Techniken kann man nichts erwarten und man wird kaum zur natürlichen Bewegung vordringen. »Einer von zehntausend«, hatte Noro Sensei einmal gesagt. Aber selbst wenn jemand es schafft, allein durch Verausgabung zur natürlichen Bewegung zu kommen, kann er diese Integrität nicht in den Alltag holen, er weiß nämlich nicht, was er realisiert hat. Wüsste er es, würde er etwas anderes lehren als den Zugang über die Verausgabung. Er muss permanent gegen die Wirkung oder den Strom eines Bewusstseins anschwimmen, das Gegensätzlichkeit kreiert.

Was aber sind die »Prinzipien des Geistes»? Meister Tada spricht vom Herzen des versteckten Budos, welches sich auf die Prinzipien des Universums und auf die Erforschung der Lebenskraft und die Methoden, doese zu erhöhen und einzusetzen, bezieht. Und weiter schreibt er: »Am Anfang steht der Geist« Stimmt das? Und was sind die Prinzipien des Universums?

Kreiert man nicht – sofern man einen Geist zugrunde legt – gleichermaßen einen Körper, von dem man sich dann als getrennt erlebt? Und schreibt Kisshomaru Ueshiba nicht von der notwendigen Einheit von Geist und Körper? Ist es nicht absurd, von der Verkörperung der Einheit von Geist und Körper zu sprechen, wenn ich diese Gegensätze erst schaffe? Es ist, als würde jemand Handstand machen und versuchen, etwas hinunterzuschlucken – er schluckt etwas hinauf. Bodhidharma klärt deshalb auf: »Solange du einen Körper hast, solange leidest du«? Wie soll ein Mitteleuropäer bei derartigen Widersprüchen die »Prinzipien des Geistes« verstehen?

Auch die zeitgenössische Philosophie hilft da kaum weiter. Sie behandelt nicht mehr die Fragen von richtig oder falsch oder die Moral, sondern spricht vom Geist Körper-Problem. Immerhin ein Fortschritt, hatte Friedrich Nietzsche doch vor hundert Jahren die Orientierung am Leib gefordert, er sei das reichere Phänomen. Das Dualismusproblem ist also wieder aktuell. Auch die Neurowissenschaftler erliegen der Versuchung, ihre schmalen Erkenntnisse in Manifeste zu fassen, in denen dann die zentrale Frage aufgeworfen wird, wie Bewusstsein in die Materie kommt. Auch hier wird ein Problem kreiert, vor dessen Beantwortung man scheitern muss. Ein Gewichtheber kann sich nicht selbst hochheben.

All das führt nicht weit. Wer aus der Perspektive des Verstandes schaut, wer die Mittel des Verstandes nicht hinter sich gelassen hat, der wird Dualität erblicken, wohin er auch blickt. Er sieht nicht die Welt, nicht sich selbst, sondern seine Konzepte. Natürlich sehen, hören, fühlen wir alle, das Bewusstsein der Menschen aber identifiziert sich mit den Begriffen, nicht aber mit dem Fühlen selbst. Das nennt man Entfremdung. Wer nicht realisiert, dass Sprache – so wunderbar sie ist – die Wirklichkeit nicht fasst, der glaubt an die Existenz von Geist und Körper. Und – er schafft sich eine Aufgabe, etwas zu integrieren, was nicht zu integrieren ist. Du kannst Mehl, Wasser und Öl zu einem Pizzateig zusammenfügen, nicht aber etwas Abstraktes, das so verdinglicht in der Realität gar nicht vorkommt. Gefordert ist also die Emanzipation von den Gedankeninhalten.

Bewusstsein kommt nicht in die Materie, Leben ist bewusst von Anfang an. Die Fähigkeit, die wir Bewusstsein nennen, erlaubt es uns, mit der Umwelt zu interagieren. Das Ziel ist es, das Überleben zu sichern. Also: Leben ist bewusst. Das gilt für die Pflanze, die ihre Blätter zum Licht ausrichtet ebenso wie für einen Tausendfüßler, der unter den Steinen sein Auskommen sucht.

Das Interagieren der Menschen findet in einem weitgehend artifiziellen Umfeld statt. Wir sichern unser Überleben, wenn wir fähig sind, mathematische Gleichungen anzuwenden. Überdies haben wir Falsches gelernt. Wir gehen davon aus, dass wir Hände, Arme und Füße haben. Dementsprechend sehen wir immer wieder Menschen, die versuchen ihre Hände, Arme und Füße zu bewegen. Sie benötigen Jahre um diese Zergliederung zu vergessen und sich wieder als ganze Wesen zu bewegen. Was wir auf den Schultern tragen, ist kein Kopf, wir bezeichnen es als Kopf. Das ist keine Hand, wir bezeichnen es als Hand. Das macht keinen Unterschied aus? Nein, das macht keinen Unterschied aus. Es is egal, was du sagst, wir müssen keine neue Sprache erfinden. Aber wir dürfen die Perspektive des Realen nicht verlassen. Da ist niemand, de fühlt, wir sind Fühlen.

»Ich weiß sehr wohl, welche Zerstörung unser Bewusstsein in unserem Körper (Bewegung) anrichtet«, schreibt Kleist im Marionettentheater. Jeder Einzelne muss es lernen, in sich selbst zu gehen. Er muss lernen, wie er seine Verstrickung in Sprache beendet um wieder im Physischen und Sinnlichen, im Realen zu Hause zu sein. »Natürliche Bewegung« ist Ausdruck von Integrität. Wir brauchen deshalb keine Körperorientiertheit – und nichts anderes ist Sport – sondern wir müssen aufhören, durch die Brille der Gedankeninhalte auf uns selbst und die Welt zu schauen. Wir müssen den Geist oder das Bewusstsein des Ganzen wieder finden. Dazu muss man studieren, wie man ihn behindert. Wer lehrt, dass seine Übungen Geist und Körper zusammenführen, der hat nichts verstanden. Wir müssen nichts zusammenführen, sondern aufhören, uns selbst auseinander zu dividieren. Die Anleitung, sich erst einmal zu bewegen, ist nichts anders als ein Armutszeugnis. Eigentlich dürfte ich keine Werbung für meine Sommerlehrgänge machen, da sie bereits hoffnungslos überfüllt sind. Wer aber wirklich bereit ist, sich auf sich selbst einzulassen, findet vielleicht noch einen Platz auf der Matte.

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