Aiki-wiki

Interview – Gerhard Walter – 2005 – Teil 1

Im Rahmen des zehn Jährigen Bestehens des Aikidojournals (heute Aiki-wiki), veröffentlichen wir eine 4 teilige Gesprächsreihe mit Gerhard Walter / Berlin

Wer sich in eine fremde Kultur vertieft, erlebt stets einen seelischen Schock. Die japanische Denk- und Lebensgewohnheiten, sind uns immer noch Fremd. Besonders wenn es sich um die japanischen Religionen handelt, bildet die aus tausendjährigen streng eingehaltenen Traditionen errichtete unsichtbare Schranke für die europäische Neugier ein beträchtiges Hindernis. Zu den wichtigsten Gründen dieser Verständnislosigkeit gehört unzweifelhaft die synkretistische Geisteshaltung des Orients, die sich tief von unserer auf einseitigere Auswahlprinzipien gerichteten Mentalität unterscheidet. Wie ist es Dir gelungen, dort einzudringen, dieses aufzunehmen und noch heute Aktiv Zen zu betreiben.

Gerhard Walter: Die Antwort ist denkbar einfach: In all den Jahren hatte ich mich nie in eine fremde Kultur vertieft. Ich war Meisterschüler mehrer japanischer Aikido-Lehrer und habe immer wieder für kurze Perioden im Zen Kloster gelebt, ohne mich jemals für Zen oder für Aikido interessiert zu haben. Am Aikido war das Auftauchens des ganzen Menschen als Bedingung für letzte Effektivität mein Motiv, im Zen ging es um die kontemplative Praxis wie die Klärung des Verständnisses davon, wie wir den Unsinn beenden, uns selbst im Weg zu sein. Ich hab mich also weder auf Aikido noch auf Zen eingelassen sondern nur auf mich selbst, auf die reale Person. Dementsprechend empfand ich nie diese Schranke, von der du sprichst. Ich kenne viele, die sich zwar auf Aikido einlassen, nicht aber auf sich selbst. Noch mehr aber reden davon und glauben es wohl auch, dass sie sich auf sich selbst einlassen würden, ohne tatsächlich zu verstehen, was damit gemeint ist. »Ich sagte, dass ich gar wohl wüsste, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewusstsein anrichtet«, schreibt Kleist im Kleinen Marionettentheater. Wer es nicht lernt, diese Unordnung im Bewusstsein aufzulösen, wird weder natürliche Bewegung noch sich selbst realisieren.

Immerhin nennt O-Sensei natürliche Bewegung und nicht irgendeinen speziellen Trick als das Geheimnis der Effektivität des Budo und der Zen-Meister Dogen Zenji zeigt darauf, dass der Alltagsgeist der Weg ist. Zen war für mich deshalb notwendig, weil O Senseis verbale Erklärungen schon bei seinen japanischen Schülern Ratlosigkeit hinterlassen hatten. Keiner meiner Aikido-Lehrer konnte erklären, worum es geht. Immer nur die Forderung, sich erst einmal zu bewegen. Worin aber der Unterschied zwischen Sport und Aikido besteht, ging über vage Andeutungen nie hinaus. Das war nicht böse Absicht, sondern Unwissenheit. »Zuletzt kann man darüber sprechen«, heißt es im Zen.

Man kann es so sagen: »Anfänger bewegen sich schlecht, Fortgeschrittene bewegen sich gut, wer aber die Unordnung in seinem Bewusstsein gemeistert hat, ist eins mit sich selbst.« Weil sich das im Tun ausdrücken muss, spricht man von natürlicher Bewegung Künstler, Handwerker oder Liebhaber realisieren derartige Integrität in besonderen Momenten, Spitzensportler sprechen vom Flow, spannend aber ist, wie wir aufhören, inmitten des Ganzen diesen Flow zu behindern.

Da ein Bewusstsein des Ganzen die einzige Bedingung für derartige Meisterschaft darstellt, muss man sich keinen Kopf machen über irgendwelche Traditionen. Es geht nur scheinbar darum, effektiver zu sein als die anderen. Es ist unsinnig, der Effektivität und Stärke hinterherzulaufen, wenn man nicht versteht, wie man sich schwächt und sich selbst im Weg ist. Es geht um reale Integrität. Die aber muss sich in Effektivität ausdrücken. Ich lehre also nicht Aikido oder Zen, sondern wie man den Unsinn einstellt, sich in einen Gegensatz zu setzen zu sich selbst. Wer aus der Perspektive des Verstandes auf sich selbst und die Welt schaut, verfehlt seine Integrität. Er glaubt das Reale zu sehen, sieht in Wirklichkeit nichts anderes als den imaginären Gehalt den er den Begriffen zuordnet. »Aufklärung«, so der Philosoph Emanuel Kant, »ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«! So gesehen, ist Aikido durchaus ein Mittel der Aufklärung. Gefordert ist ein anderes Zentrum, die Japaner sprechen von der Mitte. Mit den Worten: »Bei ihm sind Ball und Fuß eins«, erklärte Rudi Völler das geniale Fußballspiel Zinedine Zidanes. Nun taucht die Frage auf, wie werden Ball und Fuß eins? Indem du eins bist mit deinen Füßen. Wer nicht weiss, worum es geht, sieht dieses Ziel nur in den Spitzen der Leistungspyramiden realisiert, richtige Lehrer aber zeigen dem Anfänger bereits auf, wie man aufhört, natürliche Bewegung zu behindern.

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